In dieser Serie geht es um „Beruf und Berufung“, Arbeit und Alltag. Das Thema heute: „Schule, Studium, Ausbildung – wozu der Stress?“
Es ist gut möglich, dass ich hier ein Problem sehe, wo Du gar keins siehst. Man muss schließlich arbeiten und Geld verdienen. Und dafür braucht man vorher Schule und Ausbildung.
"Man muss halt"?
Da ist was dran. Aber: „Man muss halt“ ist nicht das, was uns als Menschen ausmacht. Schon beim Thema Arbeit und Beruf haben wir festgestellt: Die bloße Notwendigkeit zu arbeiten kann nicht alles sein. Das reicht nicht.
Mir hat das jedenfalls nicht gereicht! Ich kann mich gut an meine 9. Klasse erinnern. Ich habe mich gefühlt wie im Knast! Ich hab gedacht: „Ich bin schon vier Jahre hier – und hab noch immer vier Jahre vor mir.“ Ich hab mich gefühlt, als hätte ich eine Gefängnisstrafe abzusitzen. Und wozu? Das wusste ich nicht. Ich hatte keine Ahnung – nicht mal ansatzweise – was ich beruflich mit meinem Leben anfangen soll.
Für Kinder und Jugendliche kann die Schulbildung schon sehr lebensfern und sinnlos wirken.
Christen haben sich weltweit für Bildung eingesetzt
Gleichzeitig haben sich Christen wie kaum jemand sonst für Bildung eingesetzt. Überall, wo Christen hingekommen sind, haben sie Schulen gebaut und den Menschen lesen und schreiben beigebracht. Ich war zweimal in Tanzania. Da hab ich mir auch die Sprache ein bisschen angeschaut: Swahili. Das sprechen über 100 Millionen Menschen in Ost- und Zentralafrika. Das Swahili-Wort für Schule ist das deutsche Wort: shule! Nur ein bisschen anders geschrieben. Warum? Der Großteil von Tanzania war einmal deutsche Kolonie: „Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika“.
Die Idee des Kolonialismus war schon immer falsch. Aber es gab auch andere Ideen in dieser Zeit, die nicht falsch waren: Z.B. die Idee der Christen, dass Bildung für alle offenstehen soll. Es waren Christen, die in Ostafrika (und fast überall auf der Welt) Schulen gegründet und geführt haben.
Unser ganzes humanistisches Bildungsideal hat historisch seine Wurzeln im christlichen Glauben. Es wäre ohne das Christentum überhaupt nicht denkbar.
Was hat Gott mit Bildung zu tun?
Also: Was hat Gott mit unserer Bildung zu tun? Gott wurde einmal Mensch – und hat die Schulbank gedrückt. Gott wird Mensch und lernt Lesen, Schreiben und Rechnen. Kannst Du Dir das vorstellen?
41 Die Eltern von Jesus gingen jedes Jahr zum Passafest nach Jerusalem. 42 Als Jesus zwölf Jahre alt war, nahmen sie ihn zum ersten Mal mit. 43 Nach den Festtagen machten die Eltern sich wieder auf den Heimweg, während der junge Jesus in Jerusalem blieb. Seine Eltern wussten aber nichts davon. 44 Sie dachten, er sei irgendwo unter den Pilgern. Sie wanderten den ganzen Tag und suchten ihn dann abends unter ihren Verwandten und Bekannten. 45 Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie am folgenden Tag nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.
46 Endlich am dritten Tag entdeckten sie ihn im Tempel. Er saß mitten unter den Gesetzeslehrern, hörte ihnen zu und diskutierte mit ihnen. 47 Alle, die dabei waren, staunten über sein Verständnis und seine Antworten. 48 Seine Eltern waren ganz außer sich, als sie ihn hier fanden. Die Mutter sagte zu ihm: »Kind, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich überall gesucht und große Angst um dich ausgestanden.« 49 Jesus antwortete: »Warum habt ihr mich denn gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?« 50 Aber sie verstanden nicht, was er damit meinte.
51 Jesus kehrte mit seinen Eltern nach Nazaret zurück und gehorchte ihnen willig. Seine Mutter aber bewahrte das alles in ihrem Herzen. 52 Jesus nahm weiter zu an Jahren wie an Verständnis, und Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm.
(Lukas 2,41-52)
Jesus lernt
Jesus ist ein zwölf Jahre alter jüdischer Junge. Er hat Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Aber er ist noch nicht selbständig: Erst mit 13 Jahren ist ein jüdischer Junge vor Gott selbst verantwortlich.
Seine Eltern Josef und Maria sind Juden mit einer lebendigen Spiritualität. Jedes Jahr gehen sie zum Passafest nach Jerusalem. Seine Eltern sind Vorbilder im Glauben – so wächst Jesus auf. Er lernt von ihnen, was es bedeutet, Jude zu sein und Gott zu ehren. Sie nehmen Jesus mit nach Jerusalem.
Viele Pilger bleiben nur für das Passafest dort. Josef und Maria verbringen die ganzen Festtage in Jerusalem. Das war ihnen wichtig! Danach machen sie sich wieder auf den Heimweg: ein Fußweg von drei bis vier Tagen. Die Wege sind gefährlich: Mann kann sich verletzen oder überfallen werden. Deshalb reisen sie mit einer Gruppe. Sie denken, ihr zwölfjähriger Sohn ist mit dabei. Wie es zu diesem Missverständnis gekommen ist, wissen wir nicht.
Abends dann der Megaschreck: Jesus ist nicht da! Er ist nirgendwo zu finden unter den Verwandten und Bekannten. Ist ihm was zugestoßen? Ist er unterwegs verloren gegangen? Josef und Maria machen sie gewaltige Sorgen. Am nächsten Tag trennen sie ich von der Gruppe und laufen den ganzen Weg zurück nach Jerusalem. Dort suchen sie Jesus überall.
Am dritten Tag finden sie ihn endlich im Tempel. Aber was sie das sehen, ist eine Riesenüberraschung! Da heißt es nicht „Der kleine Jesus möchte aus dem Småland abgeholt werden.“ Nein – Jesus sitzt mitten unter den religiösen Lehrern und lernt! Er hörte ihnen zu und diskutierte mit ihnen, sagt die Gute Nachricht Bibel. Wörtlich heißt es: „Er hörte ihnen zu und fragte sie.“ Das war ein übliches Format: Schüler und Lehrer sitzen zusammen und der Schüler löchert den Lehrer mit Fragen. Der zwölfjährige Jesus lernt! Und wir hören: „Alle, die dabei waren, staunten über sein Verständnis und seine Antworten.“
Alle sind beeindruckt! Nur die Eltern sind außer sich. Maria sagt: „Mensch, Junge, was hast Du uns da angetan? Dein Vater und ich haben dich überall gesucht! Wir hatten wahnsinnig Angst, dass Dir was passiert ist!“ Jesus antwortet: „Warum habt ihr mich denn gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“ Das ist für Josef und Maria nicht zu fassen. Die Eltern sind eigentlich ganz normal – nur das Kind ist es nicht!
Wir hören: „Jesus kehrte mit seinen Eltern nach Nazaret zurück und gehorchte ihnen willig.“ Lukas stellt klar: Was hier passiert ist, das war nicht die Pubertät. Das war keine Widerspenstigkeit. Jesus hat trotz allem wirklich das fünfte Gebot befolgt: „Du sollst Vater und Mutter ehren“!
Aber: Jesus hat sich auch offenbart. Jesus hat gezeigt, dass er mehr ist als der Sohn von Maria und Josef. „Dein Vater und ich haben dich gesucht“, sagt Maria. „Ich bin hier, im Haus meines Vaters“, antwortet Jesus. „Im Tempel, wo der lebendige Gott anwesend ist, der Himmel und Erde geschaffen hat.“
Maria denkt noch viel darüber nach. Und Jesus wird größer. Wir hören: „Jesus nahm weiter zu an Jahren wie an Verständnis, und Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm.“
Kein himmlischer Superman
Gott wird Mensch. Der Vater sendet den Sohn. So weit beugt sich Gott zu uns herab: Am Anfang ist Jesus ein Baby, das in die Windeln macht. Und hier ein Zwölfjähriger, der lernt und als Persönlichkeit wächst. Jesus wird nicht nur älter, größer und stärker. Er wird auch verständiger und weiser.
Gott ist nicht als fertiger Erwachsener gekommen – das ist uns oft nicht bewusst. Sondern
- als Baby, das gewickelt und gestillt werden muss.
- Als Kind, das laufen lernt und aufs Töpfchen gehen.
- Als Junge, der rechnen, schreiben und lesen lernt. Wie man Ziegen hütet und mit einen Nagel in einen Holzbalken schlägt.
Das alles konnte der Sohn Gottes nicht – er musste es lernen! Genau wie wir.
Geschaffen zum Lernen und Wachsen
Gott hat uns so geschaffen, dass wir nicht nur körperlich wachsen und älter werden – und dann endlich Auto fahren dürfen oder wählen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir dazulernen und uns weiterentwickeln. Auch Jesus! Obwohl Jesus das perfekte Ebenbild Gottes ist.
Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Aber das geht manchmal ziemlich verschütt hinter unsern Ängsten und unserm Egoismus und den Konflikten und Katastrophen.
An Jesus sehen wir aber das unverfälschte Bild: jemand, der im Herzen und im Handeln eins ist mit Gott. Jesus sagt: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.“ (Johannes 12,45) „Der Vater und ich sind eins.“ (Vgl. Johannes 10,30.)
Wenn selbst Jesus, das perfekte Ebenbild Gottes, lernen und wachsen und sich entwickeln musste: Wie viel mehr brauchen wir das, dass wir lernen und wachsen und uns entwickeln!
„Bildung“, damit die Ebenbildlichkeit sichtbarer wird
Das deutsche Wort „Bildung“ kommt übrigens aus dem 13./14. Jahrhundert. Der Theologe Eckhardt von Hochheim (genannt Meister Eckhardt) hat es erfunden. Er hat es abgeleitet vom Wort „Bild“, weil der Mensch das Ebenbild Gottes ist. „Bildung“ ist nach Meister Eckhart ein Prozess, indem mehr und mehr an uns sichtbar wird, dass wir Gottes Ebenbild sind.
Wenn es Dir so ähnlich geht wie mir damals in der Schule oder Du so jemanden kennst, dann ist das vielleicht etwas, das Dich ermutigt und inspiriert für Schule, Studium usw.: Auch Jesus – das perfekte Bild Gottes – ist nicht wie ein himmlischer Superman fertig auf der Erde angekommen. Er hat alles gelernt.
Auch wir brauchen „Bildung“! Bildung ist eine wichtige Voraussetzung, dass wir das entfalten können, dass wir Ebenbild Gottes sind. Dass wir als Ebenbild Gottes Verantwortung übernehmen in dieser Welt und dabei mitarbeiten, was er hier und jetzt tun will.
Nicht nur an praktischem Nutzen orientieren
In diesem Prozess „Bildung“ kommt es nicht nur darauf setzen, was direkt verwertbar ist und einen Nutzen bringt. Eine Schülerin hat einmal kritisiert, sie könne jetzt Faust interpretieren, aber nicht mal eine Steuererklärung ausfüllen. Das hat medial hohe Wellen geschlagen.
Aber: Es kommt nicht nur darauf an, ob Du den Stoff gebrauchen kannst, mit dem Du Dich auseinandersetzt. Es kommt auch darauf an, was mit Dir selbst passiert, während Du das tust.
Bildung ist ähnlich wie Hanteln Stemmen – nur nicht für die Muskeln, sondern fürs Hirn und fürs Herz. Es kommt nicht so sehr darauf an, was Du da tust. Es kommt darauf an, wer Du dadurch wirst.
- Gott hat Jesus lernen und wachsen lassen. Er lässt auch Dich lernen und wachsen.
- Gott hat Jesus zu dem Menschen gemacht, den er für das Gute gebrauchen kann. Er will auch Dich zu einem Menschen machen, den er für das Gute gebrauchen kann.
Zwei Gefahren
Dabei lauern zwei Gefahren:
Die erste Gefahr ist ein Missverständnis von Bildung.
Viele Leute denken, durch Bildung werden wir gute Menschen. Das Mittelalter sieht man als finstere Zeit von Aberglaube, Hexenverbrennungen und Kreuzzügen. Dann kam die Aufklärung, und durch Bildung und Vernunft sind Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaat möglich geworden. – Du kennst solche Gedanken.
Das ist historisch und geistesgeschichtlich falsch – so lief die Entwicklung nicht. Und es passt auch nicht von den Auswirkungen, die wir beobachten:
Vielleicht kennst Du „Schindlers Liste“. Da gibt es die Szene, in der das Ghetto in Krakau geräumt wird, um alle Bewohner ins Konzentrationslager zu bringen. Man härt die Schüsse und Schreie, man sieht die Jagd auf Menschen. Da setzt sich einer der Täter, ein Mann von der SS, in einer jüdischen Wohnung ans Klavier und spielt eine Suite von Bach.
Bildung allein macht noch keinen guten Menschen! Gebildete Menschen haben die Gaskammern erfunden und Atombomben gebaut. Bildung allein macht uns noch nicht gut! Es braucht eine innere Veränderung des Herzens, die stärker ist als das Böse und der Tod.
Jesus hat diese Kraft gehabt! Das ganze Böse – die Demütigung, die Folter und die Hinrichtung am Kreuz – haben ihn nicht angesteckt. Im Gegenteil: Er hat das Böse und den Tod besiegt. Denn er ist auferstanden und lebt.
Lass Dich von seinem Leben und seiner Kraft erfüllen! Lass Dich von ihm an die Hand nehmen! Lerne von ihm und lass Dich von ihm prägen! Dann kannst Du wirklich ein guter Mensch werden – Gottes Ebenbild!
Die zweite Gefahr ist der Missbrauch von Bildung.
Für viele Eltern sind die Bildung und der Erfolg ihrer Kinder das wichtigste im Leben. Dafür opfern sie Zeit, Kraft und Geld: Ihr Kind soll die bestmögliche Ausbildung bekommen und auch mit Freizeitangeboten optimal gefördert werden: Sporttraining, Musikschule usw. Dann kann es sich optimal entfalten und erfolgreich sein.
Viele Eltern identifizieren sich aber so sehr mit dem Erfolg ihrer Kinder, dass der Erfolg ihrer Kinder zu einem Gott geworden ist: Dafür bringen sie Opfer. Davon erwarten sie Glück und Erfolg. Die Bildung der Kinder wird benutzt für den Götzen des Erfolgs.
Bildung ist etwas Gutes. Aber wir können Gutes zu etwas Schlechtem machen, wenn wir es für den falschen Zweck benutzen. Ein Hammer ist für viele Aufgaben ein wunderbares Werkzeug. Aber wenn man ihn für den falschen Zweck benutzt, kann man eine Menge Schaden damit anrichten.
Du kannst Bildung missbrauchen, um dem falschen Gott zu dienen – obwohl es nur einen Gott gibt, auf den wir unsere Hoffnung setzen sollen.
Bildung in der Jesus-Perspektive
Für Jesus ist mit 12 Jahren nicht der Erfolg das Wichtigste – und auch nicht mit 30. Für ihn ist das Wichtigste, der zu werden, den Gott gebrauchen kann – zu seiner Ehre und zum Segen für andere.
Jesus ist dieser Mensch geworden. An seiner Hand sind wir auf einem guten Weg dazu.
[Bibeltext: Gute Nachricht Bibel : Mit den Spätschriften des Alten Testaments. Stuttgart, Germany : Deutsche Bibelgesellschaft, 2000.]
Julian Kaiser, Pastor
