Wenn man manche Leute reden hört, hat man fast den Eindruck: Nicht mehr arbeiten, das wäre das Paradies! Aber man braucht halt Geld. Also quälen sie sich durch die Arbeit, bis danach das richtige Leben anfängt: am Feierabend, am Wochenende, im Urlaub oder mit der Rente.
Es gibt Menschen, die so schnell es geht möglichst viel Geld verdienen wollen. Die leben supersparsam, legen soviel wie möglich beiseite, um möglichst bald nicht mehr arbeiten zu müssen. Der Stuttgarter Finanzblogger Florian Wagner hat dafür einen Ratgeber geschrieben, der heißt „Rente mit 40“.
Viele Leute arbeiten, damit sie irgendwann nicht mehr arbeiten müssen. Und denken: Nicht mehr arbeiten – das wäre das Paradies! Andere suchen in der Arbeit nach dem, was wir mit dem Paradies verloren haben: Sinn. Anerkennung, Liebe. Freude und Erfüllung. Zu wissen, wer sie sind und dass sie etwas wert sind.
Unser Dilemma mit Arbeit und Beruf
Viele junge Leute tun sich schwer mit der Berufswahl, weil sie ihre Lebenszeit nicht mit zweit- und drittrangigem vergeuden wollen. Sie suchen einen Job, der die Welt besser macht. Etwas, das ihrem Leben Sinn gibt. Eine Arbeit, die erfüllt. Aber welche ist das?
Wir sind in Gefahr, auf einer von beiden Seiten vom Pferd zu fallen:
- Entweder wir sehen die Arbeit zu negativ als lästige Notwendigkeit.
- Oder wir sehen sie zu positiv als etwas, das unsere Identität ausdrückt und uns Erfüllung schenkt.
Die Arbeit als lästige Notwendigkeit zu sehen, ist witzigerweise gar nicht so weit entfernt, wie die Mainstream-Kultur im Neuen Testament geprägt war. Die griechischen Götter arbeiten nicht. Nur ein paar haben Spezialgebiete, wo sie flexen, weil sie die besten sind.
Der Gott der Bibel arbeitet: Er schafft, trennt, formt, haucht, befestigt… Wir lernen Gott kennen als Töpfer, Kaufmann, Arzt, Richter, Hebamme, Landwirt, Winzer, Hirte und Baumeister.
Die Griechen erzählen sich von einem längst vergangen Goldenen Zeitalter: bevor Prometheus es sich mit Zeus verscherzt hat und Pandora zur Strafe geschickt wurde mit allen Übeln dieser Welt. Davor gab es kein anstrengendes Altwerden, kein Leid – und auch keine Arbeit!
Die Bibel schildert Eden ganz anders: nicht als Wildnis mit Hängematte, nur zum Chillen. Sondern als Garten, der bebaut und gepflegt wird! Nach christlichem Verständnis gehört arbeiten zum Kern unseres Menschseins. Wir arbeiten, weil wir das Ebenbild eines arbeitenden Gottes sind. Weil Gott uns dazu geschaffen hat, in der Welt mit ihm mitzuarbeiten: zu bebauen und bewahren, zu verwalten und zu gestalten, zu erziehen und zu pflegen.
Für Aristoteles waren hart arbeitende Landwirte, Handwerker und Kaufleute Bürger zweiter Klasse. Die Griechen haben denjenigen glücklich gepriesen, der nicht arbeiten muss. Der hatte dann Zeit für das wahre Leben und die wichtigen Dinge: herumphilosophieren und ein guter Mensch werden. Die Arbeit hält davon nur ab.
Die Bibel sagt uns das Gegenteil: Arbeiten ist kein Fluch der gefallenen Schöpfung. Sondern Teil unserer Bestimmung von Anfang an:
7 Da nahm Gott, der HERR, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen.
8–9 Dann legte Gott im Osten, in der Landschaft Eden, einen Garten an. Er ließ aus der Erde alle Arten von Bäumen wachsen. Es waren prächtige Bäume und ihre Früchte schmeckten gut. Dorthin brachte Gott den Menschen, den er gemacht hatte.
In der Mitte des Gartens wuchsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens, dessen Früchte Unsterblichkeit schenken, und der Baum der Erkenntnis, dessen Früchte das Wissen verleihen, was für den Menschen gut und was für ihn schlecht ist. [...]
15 Gott, der HERR, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. (Genesis 2,7-9.15)
Das Problem ist nur: Wir Menschen wollten nicht auf Gott hören. Wir wollten selbst entscheiden, was wir gut und richtig finden, unabhängig von Gott. Wir haben gedacht, ohne Gott ist mehr für uns drin! Stattdessen haben wir den Halt verloren. Und suchen ihn jetzt in allen möglichen andern Dingen. Wir sehnen uns nach Liebe, Sicherheit und Erfüllung – und benutzen dafür andere Menschen, Dinge, Aufgaben, Erlebnisse. Und alles ist durcheinander gekommen.
Das ist das Grundproblem unseres Menschseins. Für die Arbeit, die eigentlich etwas Gutes ist, das wir mit Gott teilen, hat das zwei negative Auswirkungen:
1. Die Arbeit ist schwer geworden.
Die Arbeit ist mit Widerständen und Misserfolgen verbunden. Der Acker ist „verflucht“:
Deinetwegen ist der Acker verflucht. Mit Mühsal wirst du dich davon ernähren, dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln werden dort wachsen, und du wirst die Pflanzen des Feldes essen. 19 Viel Schweiß musst du vergießen, um dein tägliches Brot zu bekommen, bis du zurückkehrst zur Erde, von der du genommen bist. Ja, Staub bist du, und zu Staub musst du wieder werden! (Genesis 3,17b-19)
Jeder von uns hat sowas schon erlebt: Der Unterricht klappt überhaupt nicht. Die Technik streikt. Der Kunde springt ab, um den Du Dich so bemüht hast. Das Projekt geht in die Binsen. Leute bezahlen ihre Rechnungen nicht. Und so weiter…
Der Acker trägt Dornen und Disteln. Das ist der Grund, warum manche die Arbeit selbst für das Problem halten und nur aufs Wochenende hinleben oder den nächsten Urlaub. Aber es gehört zu unserm Menschsein als Ebenbild Gottes, zu arbeiten!
2. Wir haben den Halt verloren
Weil wir Gott nicht mehr so richtig gut kennen und Misstrauen zu ihm Einzug gehalten hat, haben wir den Fixpunkt unseres Lebens verloren. Jetzt suchen wir an allen möglichen andern Stellen nach Sicherheit und Halt, Sinn und Erfüllung, Liebe und Anerkennung. Wir benutzen vieles, was eigentlich gut ist, für etwas Schlechtes: Wir wollen, dass es uns das gibt, was uns nur Gott geben kann. Zum Beispiel unsere Arbeit.
Deshalb suchen junge Menschen den Beruf, der ihnen Wert und Erfüllung gibt. Deswegen stürzen sich manche Hals über Kopf in Arbeit und versuchen, Sicherheit zu schaffen, Anerkennung zu bekommen und Erfüllung zu finden.
Aber alles, was wir tun oder lassen, kann uns aus diesem Dilemma nicht retten. Aber Gott kann.
Erlöste Arbeit
Dazu schickt er Jesus: Damit wir nicht in unsern Irrtümern und Fehlern verloren gehen! Die überirdische, unendliche Liebe von Gott, die uns in Jesus begegnet, die bringt uns wieder Stück für Stück ins Lot. An der Hand von Jesus lernen wir, dass Gott uns das gibt, was wir vielleicht von unserer Arbeit erwartet haben: Liebe, Wertschätzung, Halt und Hoffnung für die Zukunft.
Übrigens hat Jesus selbst die meiste Zeit seines Lebens gearbeitet! Bis er anfing, von Gott zu erzählen, war er Handwerker wie sein Vater. Hat Holz gesägt, Steine getragen, Wände verputzt, Dächer gedeckt – gearbeitet, sich dreckig gemacht und geschwitzt. Der erlöste Mensch schlechthin war ein Handwerker! Da wär Aristoteles nie draufgekommen.
Dann hat er uns gezeigt, wer Gott ist. Und wie sehr er uns liebt. Dass selbst der größte Schmerz und das himmelschreiendste Unrecht Gott nicht davon abhalten, uns zu lieben. Dass Gott buchstäblich sein Leben opfert, um uns das Leben zu schenken.
Paulus schreibt im Römerbrief, Kapitel 12,1:
Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat [dass er sogar sein Leben für Dich gegeben hat], bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung [auch Deine Arbeit!]. Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.
Dieses religiöse Wort Gottesdienst bezeichnet in der Bibel kein einziges Mal ein Treffen von Christen. Dass wir Gott unser Leben hingeben, das ist der wahre Gottesdienst. Wenn Du mit Deinem ganzen Leben Gott dienst – auch mit Deiner Arbeit.
Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. (Römer 12,2a)
Die Leute schätzen Arbeit entweder zu gering: als notwendiges Übel. Oder erwarten von der Arbeit zu viel: Selbstwert und Erfüllung – das, was ihnen nur Gott geben kann. Mach weder den einen Fehler noch den andern!
Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig und vollkommen ist. (Römer 12,2b)
Im Kolosserbrief schreibt Paulus an die Unfreien, die arbeiten müssen:
Alles, was ihr tut, das tut [wörtlich: arbeitet!] von Herzen, als etwas, das ihr für den Herrn [Jesus] tut und nicht für Menschen. Seid euch bewusst, dass ihr dafür vom Herrn das ewige Leben als Lohn bekommt. Dient mit eurem Tun Christus, dem Herrn! (Kolosser 3,23-24)
Eine Frage der Herzenshaltung
Für einen gesunden Umgang mit der Arbeit ist unsere Herzenshaltung entscheidend. Einen gesunden Umgang mit der Arbeit hast Du, wenn Du nicht vor allem für Menschen arbeitest, für Dich selbst oder für die Kohle – sondern für Christus. Er ist es wert, dass Du ihm dienst. Und er zahlt Dir mit allem, was er gibt, einen Lohn, der mehr ist, als Du jemals verdienst.
Das bewahrt Dich davor, Deine Arbeit zu Deinem Ersatzgott zu machen. Das gibt Dir Kraft, um mit Deiner Arbeit Gott zu dienen – gegen Widerstände und Rückschläge. Das hilft Dir, Deine Arbeit als Berufung zu sehen: Das, wozu Gott Dich berufen und beauftragt hat.
Beruf und Berufung
Martin Luther war der erste, der in der deutschen Sprache die ganz normale Arbeit als „Beruf“ bezeichnet hat. Die Nähe zu dem spirituell aufgeladenen Begriff Berufung war volle Absicht. Er sagt – ganz im Sinne der Bibel – sinngemäß: „Wenn eine Dienstmagd das Haus kehrt und tut das im Glauben an Christus, dann tut sie ein besseres Werk und einen größeren Gottesdienst als der bedeutendste Heilige.“[1]
- Die Arbeit ist kein Fluch, der uns vom Leben abhält.
- Die Arbeit ist auch nicht der Segen, der uns Sinn und Erfüllung gibt.
Zu arbeiten ist unsere Berufung als Gottes Ebenbild. Durch Christus bekommt die Arbeit in unserm Leben den richtigen Stellenwert, weil wir durch ihn Halt und Erfüllung in Gott finden. Und mit unserm Beruf Gott die Ehre geben.
Der Stuttgarter Finanzblogger, den ich am Anfang erwähnt habe, hat mittlerweile übrigens genug Geld gespart, um in Rente zu gehen. Aber anders, als er mit seinem Buch angekündigt hat, ist er nicht mit 40 in Rente gegangen. Er arbeitet immer noch.[2] Ich denke, er hat das irgendwie gespürt: Arbeiten gehört zum Menschsein. So hat uns Gott geschaffen – als sein Ebenbild.
[1] "Wenn eine arme Dienstmagd das Haus kehret und tut solches im Glauben an Christum, so tut sie ein besseres Werk und größeren Gottesdienst, denn Antonius in der Wüste getan hat." Zit. n. https://www.evangeliums.net/gleichnisse/gleichnis_arbeit_als_gottesdienst_nach_martin_luther.html (18.08.2026).
[2] Vgl. https://www.stuttgarter-zeitung.de/artikel/frugalismus-ruhestand-mit-40-finanzielle-unabhaengigkeit-78896606.html (18.08.2026).
[Bibeltext: Gute Nachricht Bibel : Mit den Spätschriften des Alten Testaments. Stuttgart, Germany : Deutsche Bibelgesellschaft, 2000.]
