Kirchengewölbe

Das Evangelium neu entdecken

Unser Auftrag, Teil 1: Wir sind hier, um den christlichen Glauben neu zu entdecken.

Manchmal ist es gut, innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: „Was mach ich hier eigentlich? Und warum und wie mache ich das?“ Wir haben den Auftrag, den wir von Gott für unsere Gemeinde sehen – so formuliert:

  • Wir sind hier, um den christlichen Glauben neu zu entdecken,
  • miteinander persönlich zu wachsen
  • und für das Gute unser Bestes zu geben.

Der erste Teil unseres Auftrags heißt: "Wir sind hier, um den christlichen Glauben neu zu entdecken."

Das Zentrum und das Fundament des christlichen Glaubens ist das Evangelium – die Gute Nachricht von Jesus Christus. Wir sind also hier, um das Evangelium von Jesus Christus neu zu entdecken. Und seine Auswirkungen auf das Leben, ganz persönlich – privat, familiär, beruflich – die Gesellschaft und die ganze Welt.

Warum ist das Evangelium zentral? Und was gibt daran neu zu entdecken, es auch für langjährige Christen? Das sehen wir an einem Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief 1,18-25:

Die Botschaft, dass für alle Menschen am Kreuz die Rettung vollbracht ist, muss denen, die verloren gehen, als barer Unsinn erscheinen. Wir aber, die gerettet werden, erfahren darin Gottes Kraft. Gott hat doch gesagt: »Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und die Klugheit der Klugen verwerfen.« Wo bleiben da die Weisen? Wo die Kenner der Heiligen Schriften? Wo die gewandten Diskussionsredner dieser Welt? Was für diese Welt als größter Tiefsinn gilt, das hat Gott als reinen Unsinn erwiesen. Denn obwohl die Weisheit Gottes sich in der ganzen Schöpfung zeigt, haben die Menschen mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt. Darum beschloss er, durch die Botschaft vom Kreuzestod, die der menschlichen Weisheit als Torheit erscheint, alle zu retten, die diese Botschaft annehmen. Die Juden fordern von Gott sichtbare Machterweise; die Griechen suchen in allen Dingen einen Sinn, den die Vernunft begreift. Wir aber verkünden den gekreuzigten Christus als den von Gott versprochenen Retter. Für Juden ist das eine Gotteslästerung, für die anderen barer Unsinn. Aber alle, die von Gott berufen sind, Juden wie Griechen, erfahren in dem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und erkennen in ihm Gottes Weisheit.

Warum ist das Evangelium zentral?

Warum ist das Evangelium so wichtig, ja sogar zentral?

  • Die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte.
  • Es ist unklar, was die Lösung ist.
  • Es ist sogar unklar, was eigentlich das Problem ist... Für jeden von uns sind es meist die anderen. Aber wie kann es sein, dass das jeder denkt? Vielleicht sind wir selbst auch Teil des Problems?

Wir kommen mit unserer Weisheit nicht weiter. Unsere eigene Weisheit stößt an Grenzen, was unser persönliches Leben angeht. Auch die Weisheit von Experten und Institutionen. Paulus schreibt von einer größeren Weisheit, für die wir irgendwie blind sind: „…obwohl die Weisheit Gottes sich in der ganzen Schöpfung zeigt, haben die Menschen mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt.“ (V.21)

Wir bestaunen fasziniert ein technisches Gerät oder ein tolles Kunstwerk. Niemand von uns kommt auf die Idee, dass das einfach so durch Zufall aus dem Nichts entstanden sind. Wie viel komplexer als Technik sind die Systeme der Natur oder unseres Körpers? Wie viel schöner die Blüten der Pflanzen oder der Sternenhimmel über uns? Zum Staunen!

Wir hätten darauf kommen können, dass diese Größe und Komplexität und Schönheit einen Ursprung geben muss: einen Schöpfer, der weiser und mächtiger ist als wir. Jemand, der es verdient, dass wir nach ihm suchen und nach ihm fragen. Jemand, der es wert ist, dass wir ihm die Ehre geben.

Wir wollen aber niemanden über uns, der unsere Ehre wert ist. Wir wollen unabhängig sein und autonom über uns selbst entscheiden.
Das Problem ist: Wir kommen mit unserer Weisheit an Grenzen. Die Biologie kann uns sagen, dass wir Menschen sind. Aber nicht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Wozu wir Menschen sind. Und ob da noch mehr ist, das unsere Existenz begründet oder ihr ein Ziel und einen Sinn gibt.

Die wichtigsten Fragen sind offen!

Das heißt, es gibt unzählige Antworten, die nicht übereinstimmen oder sogar widersprechen. Weil wir uns von Gott und jedem Absoluten verabschiedet haben, haben wir keine Möglichkeit, die Antworten zu beurteilen.

Wir sind dem Nebel des Relativismus ausgeliefert: „Tu, was Dich erfüllt. Folge Deinem Herzen.“ Aber was ist, wenn es schwierig wird? Dann haben wir keine Ressource, uns selbst zurückzustellen, um für andere da zu sein. Wir haben auch keine Ressource, mit Verlust und Leiden umzugehen. Und wir haben keine Antwort auf das Böse in dieser Welt – deshalb fürchten wir es so sehr davor. Wir können damit nicht umgehen – nicht mal mit dem Bösen in unserm eigenen Leben und unserer eigenen Seele. Wie können wir in Frieden leben – mit uns selbst, miteinander, mit andern Ländern und Völkern und mit der Schöpfung? Wir sind mit unserer Weisheit am Ende. Wir brauchen mehr als unsere bisherigen Rezepte.

Gottes Weisheit kommt nicht in Worten zu uns – in einer Lehre oder einem gutem Rat. Gottes Weisheit ist kein Rat, sondern eine Tat: der Tod und die Auferstehung von Jesus Christus.

Hier zeigt sich die ganze Macht des Bösen: Der einzig wirklich gute und gerechte Mensch wird ans Kreuz geschlagen. Hier zeigt sich aber auch die viel größere Macht und Schönheit Gottes: Sogar am Kreuz hört er nicht auf, uns zu lieben, und besiegt mit der Auferstehung von Jesus den Tod und das Böse.

Das klingt nach reinem Quatsch, nach absolutem Blödsinn, schreibt Paulus! Dass jemand wie Jesus, dem die Macht Gottes zur Verfügung steht, seine Macht aufgibt, das ergibt für unser normales Denken überhaupt keinen Sinn. Wir selbst sind ständig auf der Suche nach Macht und nach Wegen, die Krisen der Welt zu beherrschen und unsere eigenen Herausforderungen in den Griff zu kriegen.

Jesus dagegen gibt seine Macht auf, geht ans Kreuz, leidet und stirbt – und gerade dadurch entfaltet sich Gottes Kraft und Gottes Liebe. Das ist Paradox – das ist die Weisheit Gottes, die wir nicht fassen.

Warum ist das Evangelium zentral? Weil es die Gute Nachricht von Gottes Rettung für uns ist. Weil es die Gute Nachricht ist, die – wenn wir sie im Glauben annehmen – das bewirkt, was wir selbst so verzweifelt versuchen und nicht hinkriegen: Versöhnt mit Gott zu sein, mit uns selbst, mit unsern Mitmenschen und der Schöpfung.

Im Evangelium von Jesus Christus durchkreuzt Gott alle unsere menschlichen Erwartungen – und erfüllt sie zugleich besser als alles sonst, worauf wir hoffen.

Was gibt es neu zu entdecken?

Jetzt ist klar, warum das Evangelium zentral ist. Dabei habe ich auch deutlich gemacht, was es an dieser Guten Nachricht von Gott so fremd und anders ist als das, was wir denken und wie wir leben. Aber warum sagen wir, wir wollen das Evangelium „neu entdecken“? Dass es für Skeptiker oder Suchende im Evangelium etwas neu zu entdecken gibt, leuchtet ein. Aber für Christen?

Paulus sagt: „Wir verkündigen den gekreuzigten Christus […]. [A]lle, die von Gott berufen sind […], erfahren in dem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und erkennen in ihm Gottes Weisheit.“ (V.23-24)

Tatsache ist: Das stimmt – aber nicht immer. Christen sind durch das Evangelium verbunden mit Gott, als wären sie Heilige. Aber Tag für Tag leben wir als kaum als mehr als begnadigte Sünder. Nicht nur, weil wir dann und wann etwas falsch machen und uns außerhalb dessen bewegen, was wir eigentlich glauben. Selbst in unserm Glauben sind wir oft auf Irrwegen.

  • Wir neigen entweder zu einem falschen Druck, gute Christen zu sein – als hinge unsere Gottesbeziehung und unsere Rettung von uns ab. Wir krampfen uns einen ab und werden entweder stolz, weil wir es im Griff haben, und schauen auf andere herab – blind für unsere eigene Sünde und unsern Hochmut. Oder wir sind am Boden zerstört und in unserm Ego gekränkt, wenn wir versagen.
  • Oder wir neigen zu einer falschen Sicherheit, weil Gott uns liebt, und werden blind oder gleichgültig gegenüber unserm Versagen. Wir meinen, wir brauchen uns nicht verändern, weil wir schon das Richtige erkannt haben und gerettet sind und weil Gottes Liebe alles zudeckt. Wir schließen faule Kompromisse und folgen unter dem Deckmantel christlicher Freiheit unsern eigenen Wünschen und Vorstellungen. Dietrich Bonhoeffer spricht von dem Irrtum der „billigen Gnade“, die einen nichts kostet.

Das Evangelium ist weder das eine noch das andere: Weder der Druck von Moralismus und Gesetzlichkeit. Noch die falsche Sicherheit und Beliebigkeit von Relativismus und Regellosigkeit. Das Evangelium ist auch nicht der Mittelweg zwischen diesen zwei Irrtümern.

Die Gute Nachricht von Jesus Christus sagt uns: Wir sind verlorener, als wir gedacht haben – und geliebter, als wir jemals gehofft haben. Wir sind so verloren, dass Jesus zu uns kommen, für uns sterben und uns retten musste. Und wir sind so geliebt, dass der Allerhöchste sein Kostbarstes für uns hergibt und alles unternimmt, um uns zu retten.

Das ist eine Gute Nachricht, eine Freudenbotschaft! Das erfüllt mit Freude, schenkt Frieden und gibt Kraft. Dieses Evangelium ist die Kraft, die – wenn du ihm glaubst – dich, dein Leben und deine Welt verändert. Es ist Gottes Weisheit, die unser Denken überzeugt, und Gottes Kraft, die unser Herz bewegt und uns zum Guten motiviert.

Auch als Christen kommen wir nie über das Evangelium hinaus zum nächsten Schritt. Wir können nur tiefer hineinwachsen und immer mehr daraus leben. Das bedeutet für uns als einzelne und als Gemeinschaft, das Evangelium selbst immer wieder neu zu entdecken und immer mehr daraus zu leben.

Wann sind wir erfolgreich?

Wenn man einen Auftrag formuliert, dann ist die Frage: Wann sind wir erfolgreich? Normalerweise, wenn der Auftrag erfüllt ist! Da macht uns das Evangelium allerdings keine Illusionen: Gott ist derjenige, der einmal alles erfüllt, vollendet und ans Ziel bringt – nicht wir. Was wäre dann ein Erfolg im Auftrag, den christlichen Glauben neu zu entdecken?

Erfolgreich sind wir, wenn die Bewegung nicht aufhört. Wenn die Entwicklung weitergeht. Jesus spricht immer wieder von Wachstum und von Frucht. Erfolgreich sind wir, wenn wir nicht der Versuchung erliegen und uns selbst und unsere Vorstellungen in den Mittelunkt stellen – auch nicht unsere christlichen Vorstellungen. Erfolgreich sind wir, wenn wir nicht aufhören, uns tiefer im Evangelium zu verwurzeln und aus der Kraft und der Weisheit des Evangeliums heraus zu leben und Frucht zu bringen.

Wir sehen das z.B., wenn Freude und Staunen über das Evangelium uns immer wieder erfüllen. Wir sehen das an Christen, die von umkehren und Veränderung erleben. Wir sehen das an Menschen, die zum Glauben kommen und sich mit Jesus auf den Weg machen. Wenn das passiert, dann sehen wir, wie es ist, das Evangelium neu zu entdecken – an uns selbst, in unserer Gemeinschaft und im Leben anderer Menschen.

[Bibelübersetzung: Gute Nachricht Bibel : Mit den Spätschriften des Alten Testaments. Stuttgart, Germany : Deutsche Bibelgesellschaft, 2000]

Julian Kaiser, Pastor

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