Ich frage mich: Macht es einen Unterschied, ob etwas Schönes von einem Menschen oder von einer KI erschaffen wurde?
Zunächst: Etwas "erschaffen" im Sinne einer schöpferischen Tätigkeit, also in einem kreativen Prozess (in der Wechselwirkung von Inspiration und Aktion) kann nur der Mensch, keine KI. Die KI leistet nur Kombinatorik auf Grund vorhandener Daten. Sie kann das, was ist, nie übersteigen und transzendieren. Das kann nur der schöpferisch tätige Mensch, der dabei etwas von der Ebenbildlichkeit zu seinem Schöpfer widerspiegelt.
Ein kreativ tätiger Mensch ist nicht nur aktiv in seinem Handeln, sondern auch in seinem Erleben: Er erlebt sein eigenes Handeln – nicht nur das Ergebnis seines Handelns. Sein Handeln selbst wirkt wieder auf ihn zurück. Nicht nur in Form von Reflexion, wenn er darüber nachdenkt. Sondern auch in Form von Emotion und Motivation. Um besten Fall als Freude, Glück, "Flow". Der Grund dafür ist, dass er in diesem Moment seiner Menschlichkeit näherkommt, der Bestimmung seines Menschseins als Mitwirkender an der Schöpfungstätigkeit Gottes.
Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, und der erste Betrachter dessen, was geschaffen wird und geschaffen worden ist, ist der Schöpfer: "Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte". Auch darin entspricht der schöpferische Mensch seiner Gottebenbildlichkeit.
Und was ist mit dem zweiten Betrachter, mit dem, der unbeteiligt am Schöpfungsakt war? Ich stehe vor einer Vitrine im Schloss Hohentübingen und betrachte eine Löwenfigur, die vor 40.000 Jahren aus Mammutelfenbein geschnitzt wurde. Mich berührt nicht nur ihre Schönheit, sondern auch der Gedanke: Es gab vor unvorstellbarer Zeit einen Menschen, der dieses Schöne geschaffen hat, das ich nun betrachte. Jemand wie ich. Ich erkenne mich selbst in dem Werk und gleichzeitig mehr, als ich bin, als Möglichkeit, als Können und Meisterschaft. Denn auch ich habe schon geschnitzt, aber so konnte ich es noch nie. Die Schönheit, die ich empfinde, ist auch ein freudiges Staunen über uns Menschen, Mitschöpfer in der Schöpfung Gottes.
Julian Kaiser, Pastor
